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Donnerstag, 23. Juli 2015

Der gewöhnliche österreichische Un-Mensch

Fassungslos sitzen wir täglich vor den Bildschirmen, erschüttert hören wir aufrecht gehenden, angeblich vernunftbegabten Individuen zu, wie gegen Windmühlen schreiben wir mit Fakten gegen Hetze und Dummheit an.
Was auf den ersten Blick nichts nützt. Seit wann ändert Faktenwissen etwas, wenn derjenige ohnehin keine Fakten erfassen, bewerten und anschließend intelligent diskutieren kann?

Ich schreibe absichtlich: "kann", denn jedes Verhalten hat eine "positive" Absicht, die muss nicht gscheit sein, oder reflektiert, oder sinnvoll...sich die Hände vor die Augen halten als Kind, damit man nicht gefunden wird, hat ja auch eine positive, also das Leben und den Verstand erhaltende Funktion, es nützt bloß nichts...

Warum verhält sich also der gewöhnliche österreichische "Un-Mensch" (als Gegenpol zum von ihm so bezeichneten "Gutmenschen") so? Versuchen wir eine Kategorisierung:

Der ungebildete "Loser"

Der ist meist männlich, hat nach der Pflichtschule keine weitere Ausbildung gemacht oder eine Lehre, aber nie wieder eine Weiterbildung. Ganz objektiv gesehen hat er am meisten verloren in den letzten Jahrzehnten. Mehrfach seinen (schlechten) Job zum Beispiel.
Jetzt täte es natürlich ausgesprochen weh und es wäre dem Selbstwert äußerst abträglich, wenn er einen Teil der Schuld bei sich selbst suchen würde.
Viel einfacher ist die Schuldzuweisung an "die da oben" (Regierung, EU, Weltverschwörung), oder "die anderen"(Ausländer, Flüchtlinge, Schwule, Feministinnen)
Solidarität oder Mitgefühl hat er keines - er hat ja ebenfalls weder das eine noch das andere erhalten. Er ist das Musterbeispiel dessen, was die Entsolidarisierung der Gesellschaft und die neoliberale "Idee" hervorgebracht haben. "Alles Glück dem Tüchtigen" ist ihm nicht passiert, obwohl er durchaus tüchtig war, der "trickle down" Effekt des Neoliberalismus fand natürlich nicht statt - weder für ihn noch für sonst jemanden. (Die Verfechter dieses "Effektes" sollen mir das mal am Beispiel der Wiener "Ziegelböhm" erklären, oder am Beispiel des typischen asiatischen "sweat-shops". Theoretisch müssten die alle im Wohlstand leben....)
Er ist anfällig für Demagogie - einfache Schuldzuweisungen, das Aufzählen von Synchronizitäten, plakative manipulierte Fakten - das geht alles, denn er kann kaum sinnerfassend lesen, ist zur Recherche unfähig und muss die Lösung außerhalb von sich selbst suchen. 

Die mit der psychopathologischen Problematik

Sie kamen immer zu kurz im Leben. In ihrer Wahrnehmung haben alle anderen mehr. Das, was sie bekommen, nehmen sie nicht wahr "mir hat auch keiner gholfen!"- sie erleben Mangel. Immer. Seelisch, körperlich, ökonomisch.
"Wann haben sie das jemals für die einheimische Bevölkerung getan?" - ein Userkommentar nach der großartigen Aktion einer Freiwilligen Feuerwehr, die einen Wasserschild aufgestellt hatte für Flüchtlingskinder und ihnen Spaß und Abkühlung ermöglicht hatte.
"Warum krieg ich das nicht?" Jeder würde das bekommen, antwortete Ö3 auf den Kommentar zu einer  Gratis-Eis-Aktion in der Nähe eines Flüchtlingsheims. "Warum stehen sie gerade dort?" ließ der Kommentator nicht nach.
Das sind auch die, die so wahnsinnige Angst haben vor Schwulen, vor Frauen, vor anderen Kulturen - sie definieren sich nicht über ihre Person, sondern über ihre Position (und die verschiebt sich eben unaufhaltsam von einem hierarchischen, patriarchalischen "gottgewollten" System zu etwas ganz Anderem...). Da sie ihren "Wert" aus überkommenen Ideologien beziehen, verlieren sie eben diesen. "Die wollen unsere weiße Großrasse zerstören", "Genderwahn" "Zerstörung der abendländischen, christlichen Kultur"
Sie sind anfällig für die "starke Hand". Ihr eigenes, der bigotten kleinbürgerlichen Gesellschaft gebrachtes Opfer der Konformität, des Verzichtes auf Entfaltung der Person, oft auch des Verzichtes auf ein selbst bestimmtes, glückliches Leben, wäre sinnlos, wenn plötzlich viele unterschiedliche Lebensentwürfe nebeneinander existieren könnten, ohne sanktioniert zu werden.

Der verrohte Mitmensch

Er ist laut. Scheinbar. Aber er ist nicht die Mehrheit. Er ist der, der "alle niederschießen!" brüllt. Und: "Ein Flammenwerfer wär besser gwesn" unter das Bild von einem im Sprühregen der Feuerwehr spielenden Flüchtlingsmädchen schreibt. An und für sich wäre er (in diesem Kontext) vernachlässigbar, weil offensichtlich psychiatrisch behandlungsbedürftig. Aber er ist instrumentalisierbar und wird instrumentalisiert - durch die Verantwortlichen, die seine Kommentare stehen lassen. Durch ihn werden Dinge enttabuisiert. Erst in der Sprache, dann in den Köpfen. Vom "niederschießen" zur Diskussion der Vernichtung "unwerten Lebens" ist es dann nicht weit.


Dürfen wir aufhören, gebetsmühlenartig Fakten zu liefern? Nein. Aber wir müssen diese Fakten erfassbar machen, erlebbar.Und wir müssen weiterhin dieser Enttabuisierung von längst überwunden geglaubten "Ideen" entgegen treten. Nicht, indem wir pathologischen Fällen mit Logik und gute Zureden kommen (was soll das nützen?) sondern indem wir jenen entgegentreten, die sich ganz bewusst und vorsätzlich der oben genannten "Un-Menschen" bedienen.

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