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Dienstag, 14. April 2015

Gender für Dummies - eine Lehreinheit.

Leute, ich hab den Fehler gemacht, zu viel Online - Zeitung zu lesen (und zu viele Kommentare) - und daher gibt es jetzt, ob es euch gefällt oder nicht, eine Lehreinheit zum Thema Gender.

Begonnen hat es mit diesem unsäglichen Politiker, der sich in die Diskussion um die Bestrafung von sexuellen Übergriffen eingebracht hat. Er kam ja, laut eigener Aussage nur deshalb zu seiner Ehefrau, weil er ihr auf den Hintern griff - eine selbstverständliche Form der Anbahnung, wie er schreibt.
Unmittelbar meldeten sich zahlreiche Poster, die monierten, dass "ein Mann einen Dreck wert sei in Österreich" und "Frauen leider alles dürfen". Man müsse ja in Sorge sein, dass man wegen eines simplen Flirtversuchs verurteilt würde in Zukunft. Und schuld seien natürlich die "Genderisierer".

Okay, wir schreibens mal in leichter Sprache, für die, die sich ein wenig schwer tun beim Zusammensetzen mehrerer Satzteile und beim Erfassen von Fremdwörtern:

1) Es ist nicht zulässig, einen sexuellen Übergriff, (also zum Beispiel an der Sekretärin vorbeigehen , ihren Hintern tätscheln und dabei anerkennend: "No!" sagen) mit einer in einer Flirtsituation passierenden Handbewegung zu vergleichen. Das sind zwei völlig verschiedene Dinge.
Die absichtliche Vermischung dieser beiden unterschiedlichen Situationen ist unerträglich.

2) Viele Männer fühlen sich plötzlich ihrer Vorrechte beraubt - und ja, Frauen dürfen "alles".
Vor allen Dingen haben sie die selben Rechte. Nicht weniger, nicht mehr. Das scheint weh zu tun.

3) Das hat mit "Gender" etwas zu tun. Gender ist nämlich NICHT das Binnen-I, sondern die Wissenschaft vom anerzogenen Geschlecht. Was wir einem biologischen Geschlecht an Eigenschaften zuschreiben und dementsprechend erziehen und an Verhalten vorschreiben.

Machen wir einen Ausflug in andere Länder, und schauen wir, was man dort einem biologischen Geschlecht zuschreibt. Dann wirds hoffentlich klarer.

Die Fa`afafine auf Samoa

Wenn auf Samoa in einer Familie zu wenig Mädchen geboren werden, die schwere Hausarbeit und das Sorgen für Kinder und Alte übernehmen müssen, wird ein Bub einfach als Mädchen erzogen. Er wird ein Fa`afafine ("wie eine Frau") Denn nur wenn er sich wie eine Frau kleidet, und alle einer Frau zugeschriebenen Eigenschaften und Verhaltensweisen übernimmt, kann er das tun. Weil sich die Samoaner das eben sonst nicht vorstellen können. Allerdings ist ein Faàfafine frei in der Wahl seiner Partner, er kann mit einer Frau, einem Mann oder mit einer Fa`afafine leben...

(Das ist z.B. ein Faàfafine, der Boxer ist...goggelt das mal!)












Dies ist das erste Beispiel von Zuschreibung zu einem Geschlecht - macht Frauenarbeit, muss also "wie eine Frau sein".

Die "Eingeschworenen Jungfrauen" in Albanien

Ja, es gibt sie noch. Heute. Wenn ein Clan keinen Mann mehr als Anführer hat, wird ein Mädchen zur "Eingeschworenen Jungfrau". Sie verzichtet auf alle weiblichen Attribute, muss Jungfrau bleiben - und darf die Geschäfte des Clans führen, ins Wirtshaus gehen und auf der Straße rauchen.
Anders können sich die Albaner offensichtlich nicht vorstellen, dass es funktioniert..

Das hier ist so eine "burrnesha"
Über diese Frau gibt es eine feine Doku, auch auf Youtube.









Ein schönes zweites Beispiel einer Zuschreibung von Eigenschaften zum biologischen Geschlecht...

Die Mosuo in China

Eines der letzten Matriarchate mit einer spannenden Sozialstruktur. Den Frauen gehört alles - Haus, Felder und Vieh, Geld. In Großfamilien leben sie zusammen und die Haushaltsvorständin bestimmt. Auch über ihre Nachfolgerin - sie übergibt den Schlüssel zur Vorratskammer dann einer ihr geeignet scheinenden Frau. Die Männer sind zum Viehhüten da, und zum Schlachten, und für die Begräbnisse - und sie leben im Haushalt ihrer Mütter, denn die Mosuo pflegen die "Besuchsehe". Die Mosuofrau kann sich einen, zwei oder viele Geliebte nehmen - die sie über Nacht auch besuchen können. Wenn sie ihn nicht mehr will, hängt sie ihm seinen Rucksack an den Zaun, dann weiß er, er braucht nicht mehr zu kommen.
Auf den Markt geht natürlich auch die Mosuofrau oder eine ihrer Töchter bzw eine andere Frau aus der Großfamilie - "weil die Männer können das ja gar nicht" , wie eine Mosuo in der Dokumentation auf youtube sagt.
Eine "ah mi", also die Haushaltsvorständin einer Mosuo-Großfamilie.













Das dritte Beispiel einer Zuschreibung zum biologischen Geschlecht.

Mitteleuropa - also Sie und ich...

Wir versuchen, genau diese Zuschreibungen aufzulösen - wir sind keine Stammesgesellschaft mehr, wo das Überleben nur durch ganz klare Rollenverteilung gesichert werden kann. Wir können unsere Rollen wählen. Unabhängig vom Geschlecht. Aber das nimmt natürlich vielen, die sich über ihr Geschlecht definieren, weil sie sonst nichts sind, Sicherheit. Die patriarchalische Gesellschaft (also das Umgekehrte zur Mosuo-Gesellschaft) hat uns geprägt - Jahrhunderte lang wurden Männern und Frauen bestimmte Rollen anerzogen. Der Mann war der Herr im Haus, die Frau sollte die gute Mutter sein - der Mann bestimmte. Er war der Haushaltsvorstand. Dafür durfte er auch keinesfalls "weibliche" Eigenschaften haben....es gab "Frauenberufe" und "Frauenarbeit"und "Männerberufe" und "Männerarbeit", Männer waren "klug" und durften höhere Bildung erwerben, Frauen nicht. Männer durften nicht weich, sanft oder gar schwul sein - pfui wie "unmännlich". Und Frauen nicht unabhängig, stark und frei - wie "unweiblich!"

Aber das haben wir ja hinter uns......oh wait.....

(Weil Sprache auch gesellschaftliche Wirklichkeit widerspiegelt, gibt es eben bei uns, im 21. Jahrhundert, das Bemühen, Zuschreibungen zu unterlassen, So viel zur gendergerechten Schreibweise)


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