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Samstag, 16. August 2014

Unter Aasgeiern - Gedanken für den nächsten Roman, rein fiktional, natürlich.....

Zu wenig Geld zu haben zwingt zu seltsamen Dingen. Menschen in vom AMS zugewiesenen Maßnahmen trainieren um Beispiel. Obwohl man sich schon vor Jahren geschworen hat, genau dies nie wieder tun zu wollen - wegen des Ausmaßes an intellektueller Unredlichkeit, das man nicht aushalten kann, so man sich jeden Tag in den Spiegel schauen will, ohne sich anzuspeiben.
Wie gut erinnere ich mich an den Keplinger! Ob er noch lebt?
Der Keplinger lacht. Wenn er das tut, rasselt es in seinem Brustkorb, denn er hat nur mehr eine Lunge, und die verbliebene ist auch alles andere als gesund. Vormittags geht er mit Hunderln spazieren, wofür er ein, zwei Achteln bezahlt bekommt von den Hundehaltern. Nachmittags aber sitzt er bei mir im Kurs - damit er die 4,50 pro Tag nicht verliert, die ihm das AMS sonst streicht. Arbeiten kann er schon lange nicht mehr. Die Chemo hat ihn nicht eben leistungsfähig zurückgelassen. Für die Pension hat er zu wenig Jahre. Invaliditätspension bekommt er auch nicht, die Ärzte haben nur 41% Behinderung festgestellt, er könne ja, wie in dem Gutachten steht, zwei, drei Stunden eine leichte Tätigkeit ausüben. Im Sitzen.
Ich bin überzeugt, dass diese Gutachten mit Textbausteinen gefertigt werden - zu sehr ähneln sie einander. Und immer ist es um ein paar Punkte zu wenig. Die meisten Leute beeinspruchen das erst gar nicht mehr - die Methode hat also Erfolg. Drum sitzt der Keplinger bei mir. Weil er sich einen Job suchen soll. Dazu muss er "aktiviert" werden. Die anderen im Kurs haben ähnliche Geschichten, nur gelegentlich ist einer dabei, der eigentlich arbeiten könnte, wenn er wollte.
Wie glücklich war ich vor Jahren, dass ich mich nicht mehr zur Verfügung stellte für solche Dinge!
Nur mehr Freiwillige und Geeignete wollte ich ausbilden - Trainer und Trainerinnen.
Welcher Genuss das war! Viele waren dabei, die motiviert, gut ausgebildet und fähig waren, ihrerseits Erwachsene auszubilden. In den Nebenzimmern aber saßen sie immer noch - die falsch zugewiesenen. Die, an denen sich das Institut eine goldene Nase verdient, weil es mit geringstem Mitteleinsatz maximalen Gewinn einfährt.
Geringster Mitteleinsatz heißt auch, neben dem Verludern lassen der Räume: Trainer_innen wie Supermarktkassiererinnen bezahlen. Wobei die es besser haben, denn die bekommen eine Mitarbeiterkarte und können verbilligt einkaufen.

Das Sein bestimmt das Bewusstsein.

Wenn ich ins Institut komme und einem Trainerkollegen begegne, der mich nicht kennt, werde ich nicht gegrüßt, weil er oder sie mich für eine Teilnehmerin hält. Das scheint so üblich zu sein.
Üblich ist auch, Teilnehmer_innen mit einer Herablassung zu behandeln, die ihresgleichen sucht.
Als ich für einen verirrten Mann, der seinen Kurs sucht, eine Tür öffne, um mich bei der Kollegin zu erkundigen,wo er denn hingehören könnte, herrscht die mich, nachdem sie mich von unten nach oben gemustert hat, an. "Was wollen sie hier? Sehn sie nicht, dass hier ein Kurs stattfindet?" Ja, auch dir einen guten Tag, Frau Kollegin, oder?
Einmal spreche ich eine schüchterne, schlecht deutsch sprechende Frau auf dem Gang an, weil sie mit einem typischen AMS Zettel ratlos am Gang steht. Sie will sich erkundigen, wo sie am nächsten Tag erscheinen müsse, damit sie es ja findet! (Oh, die hat zweifellos Erfahrung mit dem Institut!) Ich begleite sie zu einem der Einzelcoaches, der muss es wissen. Unwirsch nimmt dieser der Frau den Zettel aus der Hand, zum Grüßen sieht er keine Veranlassung. Ein kurzer Blick auf den Zettel reicht ihm, um das morgige Datum zu entdecken.
Wie ein Schulmädel putzt er die Frau herunter: "Und was machen du heute hier?" Sie zuckt zusammen. Ich auch.
Schnell bemerke ich, dass das im Institut der allgemein übliche Ton ist.
Und auch die allgemein übliche Haltung ist schnell zu bemerken. Hauptsache, es wird bezahlt. Der Mensch ist Mittel.
Dazu braucht man ein bestimmtes Persönlichkeitsprofil, um das zu genießen. Wenn man so eines hat, scheint es richtig Spaß zu machen, Mitarbeiter_innen und Teilnehmer_innen vor anderen zu entwerten. Eine (wahrscheinlich alkoholkranke?) Projektleitung liebt das besonders. Neben mir und auch oft neben Teilnehmer_innen behandelt sie ihre Mitarbeiter wie Dreck.
Alle kuschen - sie sind von ihren wechselnden Launen abhängig.
Als sie für einen Kursstart unbedingt Teilnehmer braucht, nimmt sie zwei völlig ungeeignete Teilnehmerinnen an. Eine hat bereits die Ausbildung, die andere ist, wie ich nachprüfen kann, doppelte Akademikerin, aber natürlich Migrantin, daher kann man das mit ihr ja offensichtlich machen.
Weil es keine Trainerinnen gibt für diesen Kurs, springe ich für die ersten paar Tage ein.
Die Akademikerin schicke ich nach Prüfung der Unterlagen (Erststudium nostrifiziert, ein Studium an der Uni Wien) zu einem Gespräch mit ihr. Keine gute Idee, denn die Akademikerin ist am nächsten Tag noch verweint. Sie hätte sie beleidigt und  mehrmals herablassend gefragt, ob sie sie auch verstünde.
Eigenartig, denn mir war klar, dass die Teilnehmerin alles versteht, sie spricht ein schönes Deutsch auf akademischem Niveau, ist orientiert, ausgesprochen höflich - trägt jedoch ein Kopftuch. Ob es das war?

Egal. Ich bin unter Aasgeiern. Hier werden Geschäfte gemacht. Mit Menschen, die Hilfe brauchen. Mit Menschen, die sich nicht wehren können, indem sie sich beschweren, weil sie genau wissen, dass ein Kursabbruch Konsequenzen hat - Streichung des Bezuges zum Beispiel. Oder Nichterreichen des Kursziels, daher kein Zertifikat.

So befriedigend diese Haltung für die handelnden Personen auch sein mag - ich empfinde nur Ekel.
Zu lange habe ich das mitgemacht. Zu lange.

Was werde ich tun?
Ein Buch darüber schreiben? Es in einem Krimi einbauen?
Jedenfalls nicht mehr hingehen. Weil ich habe ja die Wahl. Die anderen- nicht.









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