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Dienstag, 30. Juli 2013

Fetzer und der Trost des Todes......Anfang September ist es soweit.. sneak preview - die ersten dreißig Seiten !

Fetzer und der Trost des Todes

Für die Weiber.

Kapitel I


Wie soll man die Augen offen halten, wie sich selbst am Einschlafen hindern, so am Schreibtisch sitzend und Akten studierend? Ka offener Mordfall, ka Schlägerei mit Todesfolge, ned amal a gefährliche Drohung mit dem Messer. Fad is dei Leben, Fetzer. Wenn man nicht herumrennen konnte zwischen Naschmarkt und Innenstadt, um zu ermitteln oder einfach Leuten beim Leben zuzuschauen, dann war es fad. Todfad beinahe.
Wobei man darüber nachdenken konnte, ob die Aufregungen vom letzten Jahr nicht besser von ein wenig Fadesse abgelöst werden sollten. Die Gschicht im Konviktsgymnasium war ja wahrlich nicht lustig gewesen – und gelegentlich schlich sich so was wie Gewissen in seine Gedanken. Der Gabriel lief ja weiterhin frei herum, war noch immer Stricher, aber wenigstens war er nicht mehr aufgefallen – was nur eine Frage der Zeit sein konnte. Irgendwann derklatschen sie den Buben wegen Beischlafsdiebstahls oder wegen eines Drogendeliktes. Und irgendwann kehren auch die neuen Besen im Konvikt nicht mehr gut, das war so sicher wie das Amen im Gebet.
Fetzer verzog das Gesicht. Die Theres würde ihm, wenn er das jetzt bei ihr zu Haus gesagt hätte, wegen des hatscherten Vergleichs maßregeln. Sicher. Als ob er nicht Maßregelung genug hätte durch den Herrn Kriminaldirektor, der ihn zwar wieder eingesetzt hatte als Kommissar, aber nur provisorisch, mit einer Beobachtungsfrist. Und die Lichtblau war wieder nur Mitarbeiterin. Was eh gut war, denn wenn das einreißen tät mit den Weibern in einer Führungsposition, tät ma schön schaun, alle miteinander!
Nur gut, dass er das hier dachte und nicht bei der Theres. Die hatte so eine Art, ihn anzuschauen, wenn er so was von sich gab, da wusste man nicht, sollte man sich jetzt genieren vor sich selber oder einfach den Kopf senken, die Hände auf den Rücken geben und sie so besänftigen – ein Mittel, das immer half. Denn dann stellte sie sich vor ihn, verband ihm die Augen, fesselte ihm die Hände und begann, ihn liebevoll und konsequent zu quälen. Bis er nicht mehr konnte. Außerhalb des sexuellen Kontextes aber war sie ihm meist unergründlich – und unerträglich. A hoffärtiges Weib. Genau. Das war das richtige Wort. Dauernd am Naserümpfen über seine Aussagen und Ansichten. Gestern zum Beispiel hatte sie ihn in eine Bar verschleppt, in der die Gläser vom Vortag noch auf dem Tresen gestanden waren. Und nicht nur das. Lauter Kongoneger als Personal. Na, mehr hatte er nicht gebraucht! Kaum war ihm das Wort entschlüpft gewesen, hatte sie ihm einen elendiglich langen Vortrag gehalten über Gewalt in der Sprache, über Ethnozentrismus und darüber, was er sich selbst und seinem Bildungsniveau schuldig sei. Ha! Und das von der Frau Klassendünkel schlechthin! Aber er hatte nicht einmal passend drauf reagieren können, wegen der Unordnung auf dem Tresen – die hatte ihn so nachhaltig unruhig gemacht, dass er alles an Beherrschung aufbringen hatte müssen, um sich den Kongoneger hinter der Bar nicht höchstpersönlich zur Brust zu nehmen. Neben der Theres auszucken – das ging gar nicht. Stark und souverän wollte er sein in ihrer Gegenwart, zumindest bis sie allein waren. Und intelligent und orientiert. Mühsam war das. Und lästig. Wie ein Schulbub fühlte man sich.

Er setzte sich mühsam, aber entschlossen, aufrecht und starrte aus dem Fenster. Nebel überall.
Nicht nur draußen, wo man die Gebäude auf der anderen Straßenseite bestenfalls erahnen konnte, sondern auch drinnen. Er konnte sich nicht konzentrieren. Zwanzig Akten der anderen Abteilung, und alle mussten durchgearbeitet werden. Was gehen auch die Leut mit einem Burn-out in den Krankenstand? Weicheier, allesamt. Was konnte er dafür, dass dieser Trottel von Hofer sich eine Auszeit nahm und seine Akten herrenlos auf seinem Schreibtisch zurückgeblieben waren, von wo sie endlich, nach Monaten, durch eine Dienstanweisung den Weg in eine andere Abteilung gefunden hatten. Also zu ihm. Das war sicher eine der perfiden Strafen vom Oprieschnig. Für seine Insubordinationen ihm gegenüber. Oder für den Nasenbeinbruch vom letzten Herbst. Fetzer lächelte bei der Erinnerung. Der erste befreiende Gedanke heute! Und das Anti-Aggressionstraining war ein Witz gewesen, außerdem hatte er das sowieso nie gebraucht!
Halb im Aufstehen begriffen, setzte er sich wieder. Nein. Jetzt in den „Roten Hund“ zu gehen, kam nicht in Frage. Er hatte der Theres versprochen, pünktlich bei ihr zu sein. Wie war ihm die überhaupt passiert? Ja gut, als Frau war sie der reinste Wahnsinn, und als Gesprächspartnerin war sie fast ein Mann. Aber dauernd stellte sie Fragen und wollte auch noch Antworten. Und wehe, wenn er keine Lust hatte, eine in ihren Augen gscheite Antwort zu formulieren. Dann kam sie ihm mit so Sachen wie, dass man als erwachsene Person eine gewisse Reflexionsfähigkeit voraussetzen dürfe und dass er bitte jetzt nicht ihre Intelligenz beleidigen solle!
Fetzer, du bist ein Gefangener. Ein Gefangener deines Polizeipräsidenten, des Staates und eines Weibsbildes. Das geht alles nicht. Wer keine Gewalt hat über seine Zeit und seine Wünsche, ist keine Person, sondern Personal. Sagt dieser Management-Trainer, der Sprenger. Recht hat er. Ich bin Personal. Kann herumkommandiert werden. Über mich kann verfügt werden. Geht’s doch scheißen, allesamt!
Mit einem Ruck stand er auf und nahm seinen Mantel. Im Stehen ordnete er die Aktendeckel und die Bleistifte, danach den Rest des Schreibtisches.
Als er durch das Büro von der Lichtblau und dem Navratil ging, versuchte die Lichtblau, seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, indem sie einen Zettel hochhielt, überlegte es sich aber unmittelbar, als sie seine Hand mit dem erhobenen Mittelfinger sah.
Dann war er draußen. Der Navratil sah nicht einmal auf von seinem PC, sondern zuckte nur die Achseln, während die Lichtblau sich ein „Ach weh!“ verkniff, kurz den Kopf in die Hände legte und dabei das Wort „Arschloch!“ mit den Lippen formte. Unhörbar. Sicher war sicher. Immerhin hatte er sich geradezu rührend um sie gekümmert, als die Sache mit den missbrauchten Zöglingen an ihre Nerven und an ihre Eingeweide gegangen war. Und sofort damit aufghört, als sie sich wieder gefangen hatte.
Fetzer entspannte sich erst, als er auf dem Naschmarkt angekommen war und die Tür zum „Roten Hund“ öffnete. Nichts los.
Der Kellner stand mit dem Rücken zu ihm hinterm Tresen und sortierte Flaschen ins Regal. Wie nebenbei verfertigte er einen weißen Spritzer und stellte diesen vor ihn hin. Er hatte sich nicht umgedreht. Fetzer nickte anerkennend.
Auch so a seltsames Exemplar Mensch. Intelligent, eigentlich, aber a verhaute Existenz. Von Null auf Hundert in Sekunden, und dann völlig unberechenbar. Vor zwei Jahren erst hatte er ihn, weil er eines Tages einfach nicht mehr erschienen war, aus einem anderen Lokal abführen lassen und ihn hier, wo er schließlich hingehörte, wieder in den Dienst gestellt. Nachgetragen hatte er ihm das scheinbar nicht. Und letztes Jahr, als er ihn, etwas an den Vorschriften vorbei, aus der Untersuchungshaft holen wollte, war ihm dessen Alte durch ein Gefälligkeitsalibi zuvorgekommen – um gleich wieder an seinem Arbeitsplatz zu fehlen, weil ihn die selbe aufgschlitzt hatte gleich danach. Na, so an Zirkus muss ma beinand haben wolln, oder?
Schweigend verfolgte er das Ordnen und ordnete in Gedanken mit. Ordnungen stoßen andere Ordnungen an, und so sortierte er gleichzeitig Flaschen und Gedanken. Zwanzig Akten. Leistenstiche, Bauchstiche, Morddrohungen, Betrugsfälle, soweit sie mit Gewalt verbunden waren, Morde. Die üblichen Gschichten halt. Finden sich alle irgendwann im Landl wieder und bekommen einen längeren Erholungsaufenthalt in einer der Strafanstalten des Landes verschrieben. Zur Besserung. Wobei man sich natürlich fragen musste, ob einen das Herumsitzen oder das Arbeiten um einen Bettel wirklich besserte. Oder ob man dort nicht unter Seinesgleichen lernte, dass nur eine noch gewaltsamere Tat, ein noch gefinkelterer Betrug oder die geglückte Anstrengung, noch mehr zu verrohen, einem Respekt und Achtung – und damit Vorteile – einbrachte.
Als der Kellner die vordere Reihe des Regals zu beschlichten begann, wie immer makellos, sodass er es selber nicht besser hätte machen können, legten sich vor Fetzers innerem Auge die Bilder der Opfer übereinander. Ebenso die Berichte. Mühelos katalogisierte er die Tathergänge. Bauchstich nach Barbesuch, Leistenstich beim Heimgehen von der U-Bahn, Bauchstich beim Durchqueren eines Parks zu Mittag. Im Takt des Geräusches, das die Flaschen beim Aufsetzen machten, bewegte er die linke Hand.
Wieso beweg ich die Linke und nicht die Rechte? Schlagartig war er hellwach. Der Kellner, der die Änderung der von Fetzer ausgehenden Energie offenbar – mittels eines jedem anderen Menschen unbekannten Sinnes – mit dem Steißbein wahrnehmen konnte, stellte ihm einen weiteren Spritzer hin und schlichtete stoisch weiter.
Fetzer aber hatte das Lokal bereits verlassen. Ha! Die Theres konnte heute warten, bis sie schwarz würde!
Er fuhr zum Kommissariat zurück. Die Zeit in der U-Bahn nutzte er, um den Spitz, den Navratil und die Lichtblau per SMS zu verständigen: „Fünf. Büro. Pünktlich. Scheiß Schlamperei. Lauter Trotteln!“
Der Theres schickte er keines.



Kapitel II


Als er im Büro ankam, warteten schon alle. Er nickte nicht einmal, sondern begann umgehend mit einem Vortrag über die allgemeine Schlamperei in den Abteilungen, der himmelschreienden Unfähigkeit der Gerichtsmedizin und der grenzenlosen Blödheit der Ermittlungsbeamten. Die Lichtblau sah stur auf den Tisch, während der Spitz sich am Kopf kratzte und einen Mauerriss an der Decke studierte. Navratil befleißigte sich seiner neuesten Attitüde: Er lächelte buddhagleich und verzeihend. Die Therapeuten in Kalksburg mussten einen neuen Spleen haben, sicher so einen fernöstlichen Scheiß mit Verzeihung für alle Lebewesen. Wenn er in drei, vier Wochen bemerken würde, dass den lebenden Kreaturen, mit denen er es zu tun hatte, nicht zu verzeihen war, würde er wieder saufen. Dann wäre das mit der Verzeihung erledigt, denn der Alkohol würde seinen Geist in einem angenehm gedämpften Zustand halten, gerade so, dass er präzise arbeiten, aber keinen Gedanken an die Motive und vielfältigen seelischen Schmerzen aller anderen Menschen verschwenden konnte. Gut so.
Fetzer knallte vier Akten auf den Tisch und wies das Team an, überall die Fotos mit den tödlichen Wunden herauszusuchen und nebeneinanderzulegen. Den Bericht des Pathologen könnten sie sich sparen, der enthielte sowieso nur Scheiße. Spitz zupfte an seinem Ohr und betrachtete angelegentlich die Spinnweben an der Deckenlampe.
Automatisch gehorchten alle, in dieser Laune widersprach man einem Fetzer besser nicht. Das galt auch für alle anderen Launen, so nebenbei bemerkt, aber diese hier war ohnehin die häufigste.
Ratlos starrten sie auf die Bilder. Stichwunden, ja und? Tödlich. Ja eh.
Fetzer starrte drohend in die Runde. „Und wo sind die Stichwunden?“ In der Leistengegend, das sehe man ja. „Und?“ Ja nix und, ob denn niemandem hier was auffalle? Alle Frischgfangte von der Polizeischule, oder wie?
Alle Stichwunden hätten eine Gemeinsamkeit, aber offenbar seien hier alle zu blöd, dies zu bemerken, kein Wunder, wer ginge denn den schon zum Staat und dann noch zur Polizei! Die, die nichts können und die niemand anderer haben wolle!
Wütend zeigte er jeweils auf die einzelnen Fotos.
Alle, jede einzelne Wunde, war von links unten nach rechts oben zugefügt worden. Vorzugsweise auf der linken Seite des Körpers. „Und, klingelts?“
Die Lichtblau hob abrupt den Kopf. Ein Linkshänder, natürlich!
Das war ungewöhnlich. Klar gab es linkshändige Täter, aber nicht so viele und nicht in dieser Häufigkeit.
Wortlos schlugen alle die Akten auf und begannen, die Vita der Opfer zu lesen.
Magister Josef Hergeth, Personalist bei der Post. Keine Vorstrafen. In einer Seitengasse, beim Heimgehen offenbar, abgestochen wie ein Schwein.
Julius Speik, Einkäufer bei der Beschaffungsbehörde der Republik, ebenfalls keine Vorstrafen. In der Felberstraße, beim Straßenstrich, mit Bauchstich in ein besseres Leben befördert.
Egon Selcnik, na wenigstens der hatte was aufm Schmalz, Raufhändel, Körperverletzungen, gefährliche Drohungen. Vor einer Disco aufgeschlitzt. Aber er hatte auch einen quasi anständigen Beruf vorzuweisen, er war Fahrer eines schwarzen Ministers gewesen. Interessant, womit sich die feinen Herren so umgeben! Andererseits: Wo war der Unterschied? Kriminelle waren sie ohnehin allesamt, nur die einen eben mit, die anderen ohne Verurteilung. Ein Hoch auf unser Rechtssystem, oder?
Das letzte Opfer, und das war wirklich ungewöhnlich, war eine Frau.
Doktor Sabine Zeiselbauer, Wirtschaftstrainerin bei einer großen Unternehmensberatung und mit eigenem Institut, natürlich keine Vorstrafen und ein blitzsauberer Lebenslauf. Sie hatte ihr Auto abgestellt, war die paar Schritte durch einen Park offenbar zu ihrer Döblinger Wohnung gegangen und am helllichten Tag niedergestochen worden.
Kein augenscheinlicher Zusammenhang. Geldtaschen und Schmuck, so vorhanden gewesen, waren überall mitgenommen worden. Daher auch die ursprüngliche Annahme, dass es sich um besonders brutale Raubmorde handeln musste.
Außer beim Fahrer des Ministers, da hatten die Kollegen offenbar einfach auf einen Kollateralschaden im Zuge eines Raufhandels getippt. Kein Wunder, bei den Delikten.
„Navratil, du weißt, was du zu tun hast, oder?“ Der nickte nur, nahm alle Akten und ging zu seinem Schreibtisch. Eine Minute später hörte man ihn tippen und Unverständliches murmeln. Den brauchte man jetzt die nächsten Stunden nicht anzureden, wie eine Wühlmaus würde er Zusammenhänge und Unterschiede zwischen den Opfern aus dem Netz holen. Welche Datenbanken er benutzte, fragte man besser erst gar nicht.
Fetzer schickte die Lichtblau und den Spitz nach Hause. Er selbst aber blieb an seinem Schreibtisch sitzen und wartete auf die ersten Ergebnisse seines persönlichen Hackers.
Das Vibrieren des Handys ignorierte er geflissentlich. Die Theres würde schon merken, dass er nicht erreichbar war, oder?
Dann nahm er sich das Buch, das er offenbar vorsorglich eingesteckt hatte, und begann zu lesen.
Martin Cruz Smith, „Polar Star“. Die nächsten Stunden war er ganz und gar im arktischen Eis und auf einem Fischkutter gefangen.

Kapitel III


Wie konnte dieser Arkadi Renko nur an der „slimeline“ stehen, inmitten von Fischabfällen, Blut und Gräten? Angewidert und gleichzeitig fasziniert las er weiter und weiter. Der Navratil hatte leise begonnen, den „Gefangenenchor“ aus „Nabucco“ zu pfeifen. Offenbar hatte sich etwas in seinem ausgeworfenen feinen Netz verfangen.
„Herr Kommissar, i sag dir was, das is wie ein Krake!“
Fetzer schaute kurz auf und schüttelte den Kopf. Wenn er ihm jetzt sagen würde, dass es sich wieder um die „Grüne Mafia“ handelte, wären ihm die Nacht und sein Buch verhaut. Weil gegen die käme niemand an. Sie besitzen die Bank, die Produktionsvorräte und haben die Hand auf dem Absatzmarkt auch noch. Und sie sind überall, ganz nah an den Leuten. In jedem Dorf und in jeder Kleinstadt. Banker sind sowieso legalisierte Verbrecher. Es fehlt ihnen an Charakter und sie lieben die Macht, die sie über andere ausüben können.
Der Navratil schüttelte den Kopf. Die Republik sei es. Na, das sei aber wirklich nix Neues, oder? Die sei ein Krake und sie seien der Arm des Gesetzes, quasi. Ob er zu wenig gesoffen habe, dass er jetzt schon das Offensichtliche als Ergebnis seiner Recherchen ausgeben müsse?
Der Navratil versuchte, sich verständlich zu machen. Nicht die Republik als solche, sondern ihr verlängerter Arm in Form der Beschaffungsbehörde! Seit alles transparent zu machen sei und jedes große Geschäft ausgeschrieben werden müsse, gäbe es diese zentrale Stelle. Alle Opfer hätten mittelbar oder unmittelbar mit ihr zu tun gehabt.
Das könne kein Zufall sein!
Natürlich sei das kein Zufall, Fetzer knurrte. Er wollte wissen, wie die Sache mit dem russischen Ermittler weiterging und sich nicht um die organisatorischen Belange der Republik kümmern müssen. Das sei natürlich und selbstverständlich, dass alle mit der Beschaffungsbehörde zu tun gehabt hätten. Die sei ja die Stelle, die die Ausschreibungen und Vergaben abwickeln würde. Daher bekämen sie ihr Klopapier, ihre Uniformen, die Druckerpatronen und alle anderen Materialien – aber leider kein Hirn für Beamte. Dabei wär grad das das Notwendigste. Und, falls das dem Navratil entgangen sein sollte, alle Opfer seien entweder in staatsnahen oder in staatlichen Unternehmen beschäftigt gewesen, und die Frau hätte sicher Aufträge abgewickelt im Rahmen der Unternehmensberatung, für die sie tätig gewesen war. Das sei ja so, als ob er ihm gesagt hätte, alle Opfer seien Wiener. Er solle sich jetzt konzentrieren.
Dann las er weiter.
Die Anstrengungen, die dieser russische Ermittler auf sich nehmen musste, machten ihn durstig. Mit einem Seufzen schloss er das Buch, hob grüßend die Hand, als er am Navratil vorbeiging und verließ das Büro.


Kapitel IV


Ziellos, wie es ihm zuerst schien, ging er über den Naschmarkt. Aber ein Fetzer kann sich auf sein Hirn verlassen. Es führte ihn immer an einen nächsten, den unbewussten Gedankengängen angepassten und zu überprüfenden Ort. Daher grüßte er den Padrone der Casa Piccola und dessen jüngsten Sohn nur flüchtig und von Weitem und hielt erst beim „Schaffranek“ an, dort, wo die lächerlichen Unterläufel der Geschäftsleute, die sich selbst für ungeheuer wichtig, wahnsinnig erfolgreich und dadurch endlich einer ihnen nie zugänglichen Gesellschaftsschicht zugehörig wähnten, ihre kleinen Geschäfte anbahnten und, mehrere Viertel später, auch abschlossen. Das sauberste Geschäft hier ist der Koksverkauf auf dem Häusl. Die Kollegen sollten vorn ermitteln, bei den Kreaturen des Kapitalismus, nicht hinten auf dem Häusl. Dort wird wenigstens unehrlich erworbene Ware gegen unehrliches Geld getauscht! Ein faires Geschäft, sozusagen!
Vorn aber standen sie, die kleinen Anwälte der großen Kanzleien und die billigen Laufburschen der Makler, die Sekretäre der hohen Beamten und die sogenannten Finanzberater, ein Euphemismus für Kreditkeiler und Taschelzieher der übelsten Sorte. Eine traurige Gesellschaft von Zuträgern, von ebenso schlecht bezahlten wie schlecht behandelten Angestellten, die nur darauf warteten, selber einmal Angestellte zu haben – die sie dann, unter Garantie, ebenso schikanieren und entwürdigen konnten. Entwürdigung macht auf Dauer würdelos, und auch wer nicht als Kriechtier geboren ist, wird nach ein paar Jahren automatisch zu einem. In Wahrheit waren die schlimmer dran als die zwar offiziell weisungsgebundenen, aber dafür nicht kündbaren Beamten. Denn diese widersetzten sich ihrer andauernden Entwürdigung durch den „Dienst nach Vorschrift“, ohne dass sie dadurch Konsequenzen befürchten mussten. Die kleinen Angestellten und die schwarz bezahlten Gelegenheitsbeschäftigten aber mussten für ihr Geld buckeln, und das dauernd. Weil sie wussten, dass sie beschissen und ausgenutzt wurden, hielten sie es irgendwann für normal und taten dies ebenso. Fetzer hatte im tiefsten Inneren die Vermutung, dass das ohnedies ihrer ureigensten Neigung entsprechen würde und verachtete sie geradezu glühend. Die hatten keine Werte. Und keinen Stolz. Besser war es, nicht anzustreifen an denen.
Aber natürlich hatte ihn die Erkenntnis, es möglicherweise genau mit dieser Klientel zu tun haben zu müssen bei dem neuen Fall, hierher geführt.
Weil aus Eigeninteresse würd ich das nie tun, mir ist jeder ehrliche Gewalttäter lieber als diese verlogenen und verhurten Geschöpfe. Denn meine Mörder haben wenigstens Antrieb und Leidenschaft. Sie wollen mit Gewalt recht haben, weil sie nicht anders können. Für die Gschäfte dieser Troglodyten im Maßanzug brauchst aber einfach nur keinen Charakter. Aber das denk ich mir jedes Mal, wenn ich hier vorbeigeh.
Diesmal aber blieb er stehen. Der Wirt bediente ihn umgehend und ungefragt, was Fetzer für ein Zeichen von Aufmerksamkeit, statt für den Beweis des ihm vorauseilenden Rufes, der Schrecken aller Gastronomen und Standler des Naschmarktes zu sein, hielt. Der Wirt stellte das Spritzerglas auf einen der weniger vollen Stehtische und verzog sich wieder ins Innere dieses Umschlagplatzes an Perfidie und Größenwahn.
Fetzer trank still und hörte zu.
Geschäfte jeder Art wurden beredet, was in einem Lokal nicht ungewöhnlich war. Nur wie diese Geschäfte besprochen wurden, folgte Regeln, die ihm unbekannt und nicht entschlüsselbar waren. Einem Eröffnungszug, wie denn das Befinden des jeweils anderen sei, folgte viel Nicken, Lachen, und, für das fetzersche, exakt und analytisch arbeitende Gehirn, eine unendliche Menge sinnloses Zeug. Konnten die nicht einfach sagen, was sie wollten?
Er konnte nirgends auch nur den leisesten Anschein eines gewöhnlichen Geschäftes, wie er es abhandeln würde, ausmachen. An keinem der Tische wurden Zahlen genannt, nie ging es um Liefertermine, und in den seltensten Fällen konnte er erkennen, um welche Art Ware es sich eigentlich handelte. Die Immobilien waren am leichtesten zu identifizieren. Da wurde wenigstens der Bezirk genannt. „Die im Vierten“ oder „die drei im Neunzehnten“. Oder meinten die mit „Objekte“ nicht Wohnungen und Häuser, sondern etwa Frauen? Fetzer wurde unruhig. Das hier brachte nichts. Am Nebentisch wurde jetzt über „Tranchen“ und „Letter of Intent“ und „Feasibility Studies“ gesprochen. Er stapelte ein Kleingeldtürmchen neben dem Glas auf und ging.
Wütend auf sich selbst und seine Unfähigkeit, sich in den Gesprächen dieser Klientel zurechtzufinden, überquerte er den Naschmarkt und fand sich ein paar Schritte später vor dem „Roten Hund“ ein.
Hier konnte er alles entschlüsseln. Die Ränke und die Rankünen, den intendierten Subtext und das, was das Unbewusste über das Gehirn zu den Stimmbändern schickte und was so plötzlich als entlarvender Satz aus den Mündern fiel.
Sprach das für seine Intelligenz oder für einen Mangel an dieser? Nein, er wusste, dass es ihm daran nicht mangelte. Dann musste es Übung sein, die ihm den Dekodierungsvorgang hier ermöglichte, und mangelnde Übung dort, wo er es gerade nicht gekonnt hatte. Aber wie sollte er dann den Fall lösen können? Ein Spritzerglas stand vor ihm, als er den Kopf hob. Mechanisch trank er und hörte ebenso mechanisch den Anwesenden zu. Mühelos konnte er den Unterhaltungen folgen, was Wunder, sie drehten sich um die kleinen Leben und die kleinen Geister des Stammpublikums. Nichts davon war wesentlich oder groß oder auch nur in Ansätzen schön. Beziehungsprobleme, Geldprobleme, aber völlige Unreflektiertheit für den Anteil der eigenen Person an diesen. Die wunderten sich über alles, weil sie nichts verstanden und nichts wussten. Wer hatte gesagt: „Wer nichts weiß, muss alles glauben?“ Ah ja, die Ebner-Eschenbach. Jetzt zitier ich im Hirn sogar schon Emanzen. Daran ist auch die Theres schuld, wie an so vielem anderen. Automatisch sah er auf sein Handy. Fünf Nachrichten und eine SMS. Er machte sich nicht die Mühe, seine Sprachbox abzuhören oder die SMS zu lesen. Stattdessen schaltete er das Handy aus und steckte es wieder in die Sakkotasche.
Niemand hier unterhielt sich über geschäftliche Dinge, zumindest nicht über solche, die unter gewöhnliche Geschäfte fallen. Im Gegenteil. Immer ging es um Beziehungsprobleme (die Männer waren untreu und die Weiber nachtragend), um kleine und große Streitereien (irgendjemandes zweifelhafte Ehre war verletzt worden) und natürlich um Geld (immer hatte man zu wenig davon und ein anderer zu viel).
Ich brauche einen Informanten. Einen, der in der Wirtschaft zu Hause ist und mir erklären kann, wie das läuft. Aber normalerweise kommen diese White-collar-Verbrecher ja ohne Bauch- und sonstige Stiche aus, sie töten nicht selbst und lassen auch nicht töten. Oder? Das ist ja hier ka Mafiagschicht, oder? Wir hier haben keine Korruption, der gelernte Österreicher weiß gar nicht, was das ist! Wir haben dafür die allgemein bekannte „österreichische Lösung“: ein Gefallen, kleiner oder auch durchaus größer. Eine Empfehlung an einen Vorstand, eine Kommission oder an ein Ministerbüro. Ein Beratungsauftrag an einen Freund eines Freundes. Eine Rechnung mit ein, zwei überhöhten Posten. Niemand hier würde das als Korruption bezeichnen!
So kam er nicht weiter. Mit einer Handbewegung orderte er den Kellner zu sich. „Was tust du, wenn du mit an Gschäft, das du machst, ned zufrieden bist? Wenn dei Gschäftspartner di bescheißt, zum Beispiel?“ Na, da würde man dem Geschäftspartner, dem feinen, die Knie brechen, mit einem Baseballschläger. Und wenn er sich erholt habe, so gerade eben, würde man es noch einmal machen. Also keine Bauchstiche, keine Morde oder Ähnliches? Er frage nicht aus Ermittlungsgründen, sondern aus reinem Interesse. Der Kellner war deutlich verwundert. Natürlich nicht. Der Geschäftspartner solle ja was lernen. Und der Rest der Mischpoche auch gleich. Wer hin is, der kann keinem anderen mehr erzählen, dass es ziemlich blöd ist, seine Vereinbarungen nicht einzuhalten. Der Lerneffekt durch a Leich hielte nicht lang an, ein lebendes Beispiel aber erinnere die Leut regelmäßig.
Fetzer nickte. Das machte Sinn.
Warum aber hatte er dann mehrere Leichen, alle von einem Linkshänder abgestochen? Vielleicht hatten die Wirtschaftskreise doch nichts damit zu tun. Der Navratil musste was finden, und das bald.
Am Stehtisch hinter ihm unterhielten sich drei Weiber darüber, dass sie nicht zur Hochzeit zweier Stammgäste eingeladen worden waren. Das mache nichts, meinte die eine, die Braut hätte ein Kleid aus ihrem Geschäft getragen, also sei sie quasi dabei gewesen. Sie auch, lachte die andere. Zumindest ihre Vaginalbakterien – weil die hätte der Bräutigam an sich getragen. Die dritte spuckte vor Lachen beinahe ihren Spritzer wieder aus. Fetzer schüttelte nur den Kopf. Weiber. Schlecht. Allesamt. Aber das is ja nix Neues, oder?
Im Gehen legte er das abgezählte Kleingeld auf den Tresen.
Wohin jetzt? Für die Vernissage mit der Theres und ihren Kollegen war es ohnehin um fünf Stunden zu spät. Nach Hause wollte er nicht. Wo waren bloß die Zeiten hin, als die Elvira noch arbeitete? Aber nein, wenn a alte Hur sich entschließt, seriös zu werden, dann schießt sie natürlich übers Ziel hinaus und wird gleich so anständig, dass sie ihre Stammkunden auch nicht mehr empfängt. Nicht einmal mich.
Missmutig ging er den Naschmarkt hinauf bis zur Köstlergasse. „Madames Café“ hatte geöffnet. Wenige Frauen waren anwesend und die üblichen, verzweifelt wartenden Männer. Sehnsüchtig starrten sie die Eingangstür an und hofften jedes Mal, dass jetzt, ja jetzt, die Domina ihrer Träume eintreten würde. Eine große, stolze Frau, die sie unterwerfen würde und der sie sich hingeben konnten. Aber die kam nie. Stattdessen kamen die gewerblichen Nutten, mit und ohne Deckel, aber allesamt mit einer großen Portion Geschäftssinn ausgestattet.................
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