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Samstag, 15. September 2012

Warum man diese Geschichte nicht schreiben kann

Autoren leben vom Zuhören. Sie leben auch vom Nachvollziehen fremder Stimmungen, fremder Gefühle, von Schnipseln aus Gesprächen, die ihnen zugetragen werden und von dem, was die eigene Phantasie daraus macht.
Nun gibt es zweifellos mehr hässliche Geschichten auf der Welt als schöne, und die hässlichen sind die, die den Leser und die Leserin nicht besser, glücklicher oder klüger zurücklassen. Oder wenigstens mit mehr Einsicht in die Verstrickungen, die ein blindes Schicksal absichtslos für die Protagonisten bereithält.
Auch haben wir Autoren oft das Problem, dass eine oder mehrere unserer Figuren schlicht dumm sind, oder hundsgemein, und dass wir dies den Leserinnen und Lesern nicht zumuten wollen, geschweige denn uns selbst, denn einen dummen Dialog oder einen dummen Handlungsstrang zu schreiben tut beinahe körperlich weh.
Vor allem muss der Autor bedenken, dass das Leben die Kunst imitiert und nicht umgekehrt, und, wie Eco geschrieben hat, imitiert es die Trivialliteratur, denn dies ist wesentlich leichter.
Haben wir einen Bildungsauftrag? Oder wollen und müssen wir gesellschaftliche Phänomene beschreiben und knüpfen wir damit an große Traditionen an?

Geschichten brauchen nicht "gut" auszugehen, aber sie haben dennoch den Anspruch, Erkenntnisse bereitzustellen und zum Nachdenken über das eigene Leben anzuregen- und daher kann man manche Geschichten, auch wenn man von ihnen weiß, nicht schreiben.

Nehmen wir folgenden plot, der sich, nach dem  Mithören eines Gespräches, angeboten hätte:

Zwei kluge und schöne Frauen teilen sich, ohne es zu wissen, für längere Zeit den selben Mann.
(Das ist nur interessant, wenn man das Zerissensein des Mannes ebenfalls beschreiben kann - aber dazu muss man diesem Gedanken zuschreiben, die ihn klüger und reflektierter machen, als er in Wirklichkeit ist. )
Man dürfte auch nicht den Fehler machen, der Geschichte die trivialste aller Wendungen zu geben, nämlich dass ein "guter Freund" (aus Hass auf diesen Mann) , der davon über eine "gute Freundin" weiß, einer der beiden einen Tipp gibt - und diese daraufhin, wie in einer Dokusoap, das Handy des untreuen Gesellen kontrolliert.
(Bis hierher hat der plot keinen Wert, denn das kann Leserin und Leser problemlos auch bei Frau Nachbarin erzählt bekommen - das ist ein Klassiker des Trivialismus.)

Literatur, die ihren Namen verdient, würde die beiden Frauen in ein Gespräch eintreten lassen, zum Beispiel wegen der Schönheit der Texte, die die eine gelesen hat, und den darauf folgenden Dialog evozieren:
"Hat er dir wenigstens etwas Schönes gekauft im Urlaub, den er von meinem Geld bezahlt hat?"
"Woher denn", würde die andere antworten. "Jetzt bin ich wirklich wütend", würde dann die eine sagen, "dann bekommst du eben von mir ein Geschenk!" Und von dem Mann wäre keine Rede mehr.

Aber wir sind bei Geschichten, die man eben nicht schreiben kann, daher würde dieser Dialog sehr viel später stattfinden, zu einem Zeitpunkt, wo der Trivialismus des Lebens schon viel weiter fortgeschritten wäre, als dass diese Wendung Sinn machen würde.
Hässlich und dumm wäre es, wenn das Leben dafür gesorgt hätte, dass es zwar die eine nicht mehr gibt im Leben des Mannes, die andere jedoch schon - der Mann sich aber, weil dies die einfachste Variante ist, zwischenzeitlich eine intellektuell besonders einfach angelegte Weibsperson zugelegt hätte, mit der er ein kleinbürgerliches Leben inklusive Eheversprechen und späten Vaterfreuden zu führen gedenkt, ohne dass ihm noch einmal solche Unzukömmlichkeiten passieren.
Und weil er intellektuellen und sexuellen Ausgleich brauchen würde von dieser Maske des Biedermannes, würde er weiterhin im Leben der anderen sein- auch das ist etwas, das Leserin und Leser von den Nachbarn hören und wissen könnten, und gute Literatur würde es schwer haben, das Innere der Beteiligten zu beschreiben und nachvollziehbar zu machen, so dass es erhebt, erfreut oder wenigstens verstört.
Das würde nur gehen, wenn der männliche Protagonist deshalb verwerflich handelt, weil er auf Grund einer sehr komplexen, aber dafür schön beschreibbaren Persönlichkeitsstörung nicht anders handeln kann. So eine Figur könnte man literarisch wertvoll sich entwickeln lassen, etwa indem man  das Verhältnis zu einer hoch manipulativen Mutterfigur einführt, eine daraus resultierende Borderlinepersönlichkeit ableitet und die vielfältigen Selbsttäuschungen beschreibt, die er erlebt.
Wie es ausgeht, wäre letztendlich gleichgültig, Spannung wäre vorhanden und Raum genug für allgemeine Betrachtungen über das Leben, die vermeintlichen Zwänge der Gesellschaft und auch für die schwierige Rolle der Frauen in diesem plot.

Als Autor liebt man seine Figuren, und leidet mit ihnen, weil sie ja das große Ganze des plots nicht kennen, sondern nur ihre eigene Rolle darin - und man ist versucht, wie in manchen Filmen, die man sieht, der Figur zuzurufen:
"Dreh dich endlich um! Hinter dir steht wer!"
"Schau endlich in dieser Schreibtischlade nach!!!"
Wer von den Leserinnen und Lesern hat das noch nie getan?

Aber man wäre verpflichtet, den Spannungsbogen zu halten und ließe die Figur im Dunklen - schon damit das Unglück seinen Lauf nehmen kann - denn dies wäre wieder gut beschreibbar, diese kleinbürgerliche Hölle zwischen Bügeln, Putzen und Vorwürfen, aber nur dann, wenn man die Gefühle und das Leid der Figur auf hohem Niveau beschreiben könnte. Aber dazu müsste die Figur wieder intelligent sein, denn dumme innere Dialoge will kein Autor schreiben.
Die beiden anderen Frauen könnte man sprechen - und über den Wert und Unwert von Vergeltung philosophieren lassen - und dabei deren Geschichte erzählen. Aber dann wäre man weit weg vom ursprünglichen, zwar dramatischen, aber höchst trivialen plot und in einer intellektuell herausfordernden Diskussion, die Leser und Leserin Einiges abverlangen würde. Sie müssten der Idee folgen können, dass die Protagonisten gar nichts tun würden - und damit das Schlimmste überhaupt.
Die Figuren tun lassen, was sie tun - und die Geschichte ihren Lauf nehmen lassen.
Aber das wäre weder erhebend, noch spannend, versöhnte die Leserinnen und Leser nicht mit dem Leben und machte sie auch nicht klüger - und deshalb kann man solche Geschichten nicht schreiben.

(Wenn man allerdings Drehbuchautor wäre, könnte sich eine ganze Serie ausgehen. Aber die Autorin ist der Literatur verpflichtet, den "trash" überlässt sie gern anderen Autoren - und dem Leben natürlich!  :-)

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