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Samstag, 7. Januar 2012

Sneak preview auf den DRITTEN Band: "Fetzer und der Trost des Todes", Kapitel VII

Kapitel VII
Kalt war es und ungemütlich. Vor dem „Jägersmann“ standen nur die ganz vom Alkohol Geeichten und die Raucher an den Stehtischen. Drinnen war es voll, dunstig und es roch wie in einem Zoo.
Als Fetzer den Blick hob, starrte ihn der Müller-Hartberg an. Gut so, wenigstens war Erschrecken in dem Blick zu sehen, kurz bevor dieses in nachlässige Verachtung überging.
Fetzer hob grüßend seinen Spritzer. Erwartungsgemäß reagierte dieses Produkt aus Kleinbürgertum, Schleimerei und Gewissenlosigkeit und kam an seinen Tisch.
Das hatte die Theres nie verstanden. Dass auch die ärgsten Feinde, so sie Männer sind, miteinander reden, sobald sie sich etwas voneinander erhoffen. Und gleichzeitig jederzeit bereit bleiben, einander das Hackl ins Kreuz zu werfen. Aber die hatte ja Vieles nicht verstanden. Egal jetzt.
Er eröffnete das Spiel mit vorgeblichen Grüßen seines Kriminaldirektors, was deutliche Entspannung beim Gegenüber bewirkte.
Fetzer studierte die sich ändernde Kinnlinie, die sich verschiebende Falte neben den Augen und den Wechsel in der Körperspannung. Ein Hündchen hatte er vor sich. Ganz klar.
Einen Angstbeißer, einen, der seiner Alten irgendwann eine auflegt, und sich hinterher entschuldigt, dass er nicht anders konnte, weil sie ihn ja schließlich provoziert habe.
Er lächelte und bestätigte, dass der Herr Kriminaldirektor bei bester Gesundheit sei, ja, danke der Nachfrage. Und dann kam er zum Thema. Eine unangenehme Sache sei das. Niemand habe gewusst, dass die Untersuchung des Kollegen Hofer so heikel sei. Leider wäre die zweifellos beiliegend gewesene Weisung nicht bis zu seinem Schreibtisch gekommen, ein Versehen zweifellos, wegen der Aufteilung der Akten unter den anderen Kollegen.
Der Müller-Hartberg nickte verständnisvoll und legte begütigend die Hand auf den Unterarm Fetzers.
Fetzer versetzte sich selbst in Sekundenbruchteilen in Stasis, um einem gröberen Delikt, zum Beispiel dem  Zertrümmern einer fremden Schädeldecke an einem Wirtshaustisch, vorzubeugen.
Die leidige Bürokratie eben. Umso dankbarer sei er dem Kommissar, dass dieser in einer Zeit so wichtiger und sensibler Entscheidungen die notwendige Zurückhaltung, die ja gleichsam staatstragend notwendig und…..
Fetzer unterbrach ihn, denn er fühlte, wie sich der Spritzer seinen Weg aus der Speiseröhre zurück zum Gaumen bahnte.
Natürlich, ein so großes und wichtiges Vorhaben! Der Müller-Hartberg setzte sich aufrecht und genoss sichtlich die Ehrerbietung, die ihm scheinbar zuteil wurde. Immerhin sei das Monopol eines der letzten, die  der Staat noch hielte. Und da sei es ja verständlich, dass jede Irritation die so wesentlichen Verhandlungen über Abtretungen, Gebiete und Preise empfindlich stören könnte, nicht wahr!
Fetzer beschloss, einfach zu nicken und sich Wörter,, Betonungen und verlorene Zitate zu merken, um sie später, wenn er einen Experten für dieses völlig unverständliche Geplapper gefunden haben würde, auch wiederholen zu können. Warum rief dieser Navratil nicht an? War es wirklich so schwer, einen pensionierten Controller mit Paranoia zu finden?
Der Müller-Hartberg sprach jetzt von guten Männern, die man immer brauchen könne, nicht jeder müsse ja im Staatsdienst alt werden. Gerade das Thema Sicherheit sei ja immer…. Fetzer konnte nicht mehr. Er hielt sein Handy an Ohr und beantwortete den fiktiven Anruf mit „Aha“, und „Verstehe“, erhob sich, bildete mit der freien Hand ein Türmchen aus dem abgezählten Kleingeld, deutete danach einen Gruß an und verließ das Lokal. Im Hinausgehen hörte er noch, wie der Müller-Hartberg sich an seinen Nebenmann wandte und ein Loblied auf die brave Polizei sang, die immer im Einsatz sei.
Er fühlte, wie sich seine Nackenhaare sträubten und sah zu, dass er möglichst schnell möglichst viele Meter zwischen sich und diese Geißel brachte, daher überquerte er den Naschmarkt und ging zum Blassen.
Wie tröstlich ist doch die Berechenbarkeit der Minderbemittelten! Wenn die Stammklientel des Blassen Arschloch sagten, dann meinten sie es auch so. Wenn hier vom Vögeln die Rede war, dann war auch eben diese Tätigkeit gemeint. Und wenn sie Grund hatten, einander in die Goschen zu hauen, dann taten sie auch dieses.
Fetzer stellte sich an die Theke und trank still vor sich hin. Links und rechts tröpfelten die Gespräche, ein jedes belanglos, wertlos und vorhersehbar. Aber tröstlich in ihrer Einfachheit.
„Weißt, man muss die Männer für sich arbeiten lassen, dann fühlen sie sich wichtig und gebraucht!“ Eine verlebte Blonde, für die  kein Mann der Welt mehr arbeiten würde, soviel war sicher, im Zwiegespräch mit einer Nutte außer Dienst, der dieser Ansatz ihrem Gesichtsausdruck nach gänzlich unbekannt war.
„Wieso hast dem ned gsagt, dass wir miteinander was ham?“ „Na weils Scheiße is!“ „Was is Scheiße?“ „Na der Sex mit dir!“ „Echt? Du machst an Spaß, gell? Soll i dir noch was zum Trinken holen, Schatzi?“ Der abgehalfterte D-Promi aus dem Regionalprogramm, diesmal in Begleitung einer rüden Brünetten, wie immer zugekokst bis zu den Ohren. Gut für ihn, so würde er diesen erhellenden Dialog morgen vergessen haben und das, was er für deinen Selbstwert hielt, behalten können.
„Dabei wüll i nur ane, de was mi a bissl gern hat und de liab zu mir is.“ Der allseits als Gewalttäter im Anlassfall bekannte Trinker in der Ecke sprach mit seinem Glas.
Fetzer aber dachte nach. Das nicht mehr rekonstruierbare „Haberer“ Gespräch von gestern ging ihm nicht aus dem Kopf. Es passte nicht zu dem Fall. Nichts passte zu dem Fall. Der Müller-Hartberg passte nicht. Der Chauffeur passte nicht. Und er selbst passte auch nicht. Erstens nirgends hin und zu zweitens zu niemandem.
Er blieb bis zum Schluss und erwartete jedes Mal, eine Erkenntnis am Grunde des eben leer getrunkenen Glases zu finden, wurde jedes Mal enttäuscht und versuchte es deshalb nochmals.
Als es hell wurde, begab er sich nach Hause. Im Gehen wurde ihm klar, dass ihn die Theres ohnehin nie geliebt hatte, diese Schlampe.
Das erste Mal seit Jahren wartete der Kater vergeblich auf Futter. Fetzer legte sich ins Bett und überließ seinen Körper dem Alkohol und dunkel aufsteigenden Alpträumen.

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