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Samstag, 23. Juli 2011

Zweihundertzweiundachzig

Eine Anzahl von Tagen. Eine Anzahl von Gedanken an jedem einzelnen Tag. Eine Spanne Lebenszeit. Meine Spanne Lebenszeit, in der alles anders war als vorher und wo alles anders ist danach.
Was ist alles noch zweihundertzweiundachzig?
Schadensersatz statt der Leistung wegen Verletzung einer Pflicht nach Abs. 2 des Bürgerlichen Gesetzbuches zum Beispiel, oder ein deutsches U-Boot, oder auch ein deutscher Leichthubschrauber. Das Jahr in dem Probus, ein römischer Herrscher, ermordet wurde.
Die Nummer einer Regierungsvorlage betreffend die Spanische Hofreitschule in Wien.

Vor allen Dingen aber ist 282 eine Sphenische Zahl, und erfüllt als solche das Kriterium der „Unvollkommenheit“ – auch ergibt die Möbiusfunktion ergibt für alle Sphenischen Zahlen: -1

Wie passend.

Hätte dieses Wissen, hätte ich es vorher gehabt, etwas geändert an diesen 282 Tagen? Nein. Ich glaube es nicht. Ich hätte das Ergebnis nicht errechnen können, also existiert es in Wirklichkeit gar nicht.
Jeder Mensch hat eine persönliche Strategie, um sein Leben auszurichten. Die meine ist: Zählen.
Die Stunden des Tages, die Menschen, die mir begegnen, die Tage zwischen den Ereignissen. Mathematiker sind exakte und ordentliche Menschen – und sich der Schönheit der Welt wohl bewusst, denn diese ist in Zahlen ausdrückbar. Ein Mensch, dessen Geburtszahlen nicht schön sind und die das Kriterium der Wohlgeformtheit nicht erfüllen, ist auch für mich nicht schön.

Zählen sei meine Coping-Strategie, ich sei zwanghaft, so die Therapeutin. Ich bitte sie, was soll man von jemandem, der keine Geisteswissenschaftlerin ist, anderes erwarten als so eine Erklärung?
Ich habe immer schon gezählt: Die Stufen bis zu unserer Wohnung, die Minuten, die es dauerte, bis mein grober Vater meiner habhaft wurde, die Stunden, die ich in meinem Zimmer verbringen musste zur Strafe für mein Ungehorsam. Die Schnitte in meinen Unterarm. Die Verletzungen an meiner Seele. Jede Lieblosigkeit habe ich gezählt, potenziert, dividiert und nach allen Regeln der Mathematik und Kombinatorik geordnet, vorausgesagt oder nachträglich bewiesen. Denn so entsteht erst die Wirklichkeit. Das hat mit Zwang nichts zu tun.

Zählen hindere mich erfolgreich daran, mir meiner Gefühle bewusst zu werden, so die Therapeutin. Und ob ich nicht aufhören wolle, alle Ereignisse und Begebenheiten zu klassifizieren, mathematisch umzuformen oder nicht vorhandene Gesetzmäßigkeiten zu berechnen. Sie sind wie diese Mönche in Dings, sagt sie, die unaufhörlich und ohne Unterbrechung die Geschichte der Welt erzählen, denn wenn sie aufhörten, hörte auch die Welt auf zu existieren! Und sie sind doch ein gescheiter Mensch, Herr Doktor!
Was bringen sie den jungen Leuten heute eigentlich auf der Uni bei? Verlorene Zitate aus fragwürdigen Filmen statt exakter Wissenschaft? Kein Wunder, ist doch diese Psychotherapie eine rezente Zeiterscheinung ohne das geordnete und feste Fundament der Mathematik.

Es ist schön hier in diesem Krankenhaus, es herrscht Ordnung und eine klare Struktur. Sowohl bei den Farben, bei den Essenszeiten, als auch bei der Speisenabfolge. Die Medikamentenausgabe erfreut mein Herz jeden Tag. Die exakt angeordneten Schächtelchen, die immer gleiche Handbewegung des Pflegers, die präzise Abfolge in den Farben und Formen der einzelnen Pillen: Die weiße zuerst, dann die rote.
Man muss fähig sein, die Schönheit der Welt auch in den kleinsten Dingen zu entdecken, denn in den großen ist sie nicht vorhanden, so lehrte mich die Erfahrung. Oder wir übersehen sie, weil die Menge der Faktoren eine Berechnung erschwert.
Nehmen wir als Beispiel M. Ja, nehmen wir ruhig M. Sie war nicht schön, doch ihre Geburtszahlen waren die pure Vollkommenheit: Alle Harshad Zahlen! Sie wissen selbstverständlich, dass Kaprekar, dieser große Inder, sie nach dem Sanskritwort „harsa“ benannt hat, was nichts anderes als „große Freude“ bedeutet.
So war sie denn schön für mich, und ich wusste, ihr kann ich mich öffnen.
Ich habe sie begehrt, wie ich noch niemals vorher begehrt hatte. Jedes Mal, wenn ich sie verließ, spürte ich,wie ein Teil von mir zurückbleiben wollte, bei ihr. Denn verlassen musste ich sie jedes Mal.
Ich hatte es bereits beim ersten Mal bemerkt, wenn auch zu spät. In ihrer Gegenwart hörte mein unermüdlicher und unerschütterlicher Geist zu zählen auf. Ich war nur Körper und Seele, ich nahm aus ihrer Fülle und gab in diese zurück. Ich wusste nichts zu zählen.
So sehr erschreckte mich das , dass ich jeglichen Kontakt abbrach – nur um nach 4,6,oder 10 Tagen diesen wieder aufzunehmen. Sie haben es bemerkt, natürlich. Harshad Zahlen. Nichts anderes konnte ihr gerecht werden! Die Verehrung, die ich damit ihrer Person gegenüber zum Ausdruck brachte, hat sie wohl nie verstanden. Keine Mathematikerin. Bedauerlich.
Halten sie mich nicht für einen depravierten Menschen, ich verfüge über mannigfaltige Talente. Meine empathische Intelligenz ist ebenso entwickelt wie meine sprachliche.
Sie war der erste und letzte Mensch, mit dem ich kontextabhängig in unterschiedlichen Sprachen und Stilen ausdrücken konnte – in meiner Erstsprache für die gewöhnlichen Dinge des Alltags. Dass ich sie liebte, teilte ich ihr ausschließlich in meiner Zweitsprache mit, und wenn wir stritten, oh und wie wir stritten, denn sie entzog sich jeder vernünftigen Berechnung und war so im Wortsinn unberechenbar, waren wir „per Sie“.

Die Funktion der Liebe ist eine Gleichung. Auf der einen Seite steht die Sehnsucht nach Verschmelzung, auf der anderen der unbedingte Wunsch nach Abgrenzung. Die Unbekannten auszurechnen hielt mich tagelang in Atem und ließ mich wieder und wieder in ihre Arme fliehen. Und aus diesen, denn wenn ich bei ihr war, konnte ich nicht mehr zählen.

Oh, wenn sie mich doch gezwungen hätte und mich gänzlich besitzen hätte wollen! Jede Abwehr von mir war ein Zeichen für sie, aber sie konnte die Gleichung nicht lösen. Oder vielleicht hat sie mich einfach niemals geliebt? Oft hielt sie mir Vorträge über die Freiheit zu kommen und zu gehen,
und immer wieder warf sie so sämtliche meiner Berechnungen über den Haufen. Zwing mich!, wollte ich sie anherrschen, oder: Benimm dich nicht so seltsam!

Ich nahm mir die Zeit, um meine Berechnungen neu zu überdenken und meine Theorie wissenschaftlich zu überprüfen – dazu gehörte eine Versuchsreihe mit einer Anderen. Bei der war das Zählen kein Problem, auch nicht die Berechenbarkeit. Eine Unbekannte fehlte und die Gleichung war plötzlich wohlgeformt.

Gleichwohl kam ich nicht los von M. Ein mathematisches und kombinatorisches Paradoxon, dessen Lösung ich mir zur Aufgabe machen musste, obwohl ich nicht wollte.

Ich entfernte die Unbekannte in meiner Gleichung und wählte dazu den 16. eines Monats. Die Schönheit der 16 als Zweierpotenz ist dabei evident: Dient doch das Hexadezimalsystem als Alternative zum Dualsystem.

Aber warum mussten sie sie dazu umbringen, Herr Doktor? Ist sie wirklich so begriffsstutzig, diese Therapeutin?
Grund- und Integrativwissenschafterin, typisch. Die Mathematik aber ist eine exakte Wissenschaft und verlangt klare Lösungen.
Jeder Mensch hat eine persönliche Strategie, um sein Leben auszurichten. Und die meine ist: Zählen. Zweihundertzweiundachzig Tage mit M. Dies erfüllt, als Sphenische Zahl, das Kriterium der Unvollkommenheit.
Der wissenschaftliche Beweis ist damit erbracht.

Warum ich das letzte mail, das in meinem Posteingang ist, nicht ebenfalls lösche? Es untermauert meine Theorie. Was ich nicht berechnen kann, existiert nicht. Außerdem zeigt es ihre Unberechenbarkeit:

„Liebchen, ich bin noch immer auf den Tod traurig....
Dein Körper und dein sanftes Inneres, das ich so liebe - die wissen, dass sie den Boden küssen sollten, über den ich gegangen bin. Weil denen ist klar und bei denen ist spürbar, dass sie  verstanden haben, was ich für ein Geschenk bin für dich. Ich weiß nicht, wie viele andere Menschen du kennst, die ihr eigenes Verhalten und ihre Einstellung zu dir nicht davon abhängig machen, was du für ein Verhalten zeigst- also unabhängig davon, ob du gerade wütend, abwesend, anwesend, zugewandt oder sonstwas bist.
Nur dein Geist weiß es nicht und spielt immer das selbe Spiel: Was sagt der eigentlich zu dir in solchen Fällen? "Jetzt schau ich, wie deppert und unmöglich ich sein muss, damit sie "Schleich dich du Arschloch" sagt?" (wie alle) Oder ist es eher sowas wie; " Bin ich lieber gleich ordentlich ungut, weil dann zeigt sie ihr wahres Gesicht?" (wie alle)
Richte deinem Geist aus, er soll
1) endlich die Gosche halten, sonst bringen mich Schmerz und Trauer um
2) dass er von falschen Voraussetzungen ausgeht: Ich bin nicht wie alle. (Ich bin schlimmer ;-)) Ich geb nämlich nicht auf. Des bleeede Spiel kenn i nämlich zur Genüge. Von mir selbst.
Warum ich das heute schreibe? Weil es vergeudete Lebenszeit ist, böse auf mich zu sein. Weil es vergeudete Lebenszeit ist, traurig und voll Schmerz zu sein.
Aber ich halte es für keine vergeudete Lebenszeit, wenn ich dir alle Wünsche von den Augen ablese - und du den Boden küsst, über den ich gehe......“


Und so ergibt die Möbiusfunktion immer: – 1, bei jeder Sphenischen Zahl.

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