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Samstag, 23. Juli 2011

Die motivierte Hyäne

Sitzt hier schon jemand? Nein ? Danke sehr. Verzeihen Sie, dass ich sie störe, ich brauche etwas Ruhe vor meinem nächsten Schritt, sollte mich sammeln für meinen nächsten Auftrag. Ich bin nicht immer so überstürzt in meinen Bekanntschaften, normalerweise bin ich höflich zurückhaltend, und beinahe ein netter Mensch.
In letzter Zeit sagen das viele meiner Auftraggeber, meine Freunde auch, aber die ahnen nicht, wer oder was ich wirklich bin.
„Der Trost von Fremden“, war das nicht ein Filmtitel? Sehen sie, so was brauche ich jetzt. Sie sehen nett aus, freundlich und intelligent – so, wie meine Auftraggeber garantiert nicht aussehen. Dabei hat es so schön begonnen. Rauchen Sie? Ich leider wieder, darf ich?

Ich möchte ihnen eine Geschichte erzählen, tun wir doch so, als wärs nicht die meine, sondern eine allgemeine, fremde, die leicht zu ertragen ist, weil man sie ins Reich der überspannten Phantasie einer vierzigjährigen, etwas übergewichtigen Frau verweisen kann, oder wie man einen Traum erzählt, aus dem man sich frühmorgens erhebt, um Frühstück für die Familie zu richten, den Hund zu füttern und den üblichen Kram erledigt bis man ins Büro geht.

Beginne jede Geschichte mit einem wahren Satz, das hab ich mal bei Hemingway gelesen, wählen wir also diese klassische Form des Geschichtenerzählens.
Das Jahr 2000 begann mit einem Versprechen: grau, kalt und trocken.
Und dieses Versprechen gedachte es auch einzulösen, wo doch heutzutage niemand mehr seine Versprechen hält, warum also gerade ein Jahr? Schon im März war ich jedenfalls am Ende.
Knapp vor dem finanziellen Aus, kein Auftrag in Sicht, zu Hause gleich mehrere hungrige Mäuler zu stopfen, keine Anerkennung, keine Rücklagen, aber Cellulitis.
Mein Haus war zu einer Art Bahnhofsmission für Manager verkommen, und ich war die Mutter Teresa der herrschenden Klasse, für die Geier aus dem Controlling und die Hyänen aus der Vorstandsetage.
Hier wie dort leben diese Tiere von Fleisch – die einen vom toten, ohnehin vergänglichen Körper, die anderen aber zehren von den Lebenden: den Geist in Form von Ideen, Konzepten, geleisteter Arbeit, die Seele in Form von gesetzten Zielen und verweigerten Mitteln, die Eingeweide in Form getroffener Managemententscheidungen..
Die Beute ist „Fleisch“. Dort eine Ressource aus Eiweiß, Kohlehydraten und Flüssigkeit, hier heißt das Humanressource. Glauben sie mir, es ist nur ein anderes Wort für Fleisch, nichts Ekelhaftes dabei.
Ich habe Manager beraten, gecoacht, deren Mitarbeiter trainiert, unterstützt beim Biegen, beim Brechen, beim Aussaugen – nur Ausspucken mussten sie selber, aber das konnten sie schon vorher, alle.
Da war der erste Auftrag nur der nächste logische Schritt.
Unter „final consulting“ konnte ich mir erst nichts vorstellen, außer, dass in „final“ die Grenze steckt, das Endgültige, Letzte – die letzte Möglichkeit zur Zielerreichung. Ein Konzept zum Abbau von unbelehrbaren oder unliebsamen, oder einfach ineffizienten Managern inklusive Umsetzungsbegleitung: Keine Abfindungen, kein Know-How Transfer, keine Prozesse beim Arbeitsgericht. Ausscheiden durch beinahe natürlichen Tod.
Das macht mich traurig, immer wieder. Dann setze ich mich in eine Straßenbahn, um wieder froh zu werden.
Was ich mache, wenn ich mit der Straßenbahn unterwegs bin? Ich träume anderer Leute Leben. Hier gibt es viele Gleise, die ganz, ganz nah an erleuchteten Fenstern vorbeiführen, oft auf der Höhe des zweiten oder dritten Stockes, da vergessen die Leute, dass sie die Vorhänge zuziehen sollten. Im Vorbeifahren, mal schnell, mal langsam, und manchmal ist irgendwo auf der Strecke ein Aufenthalt, erhasche ich einen Blick auf häusliche Szenen: eine türkische Großfamilie sitzt am Boden und isst, dann ein gestikulierendes Pärchen, sie hat irgendetwas in der Hand, jetzt steht ein Kind allein am Fenster, die Wangen in die Hände geschmiegt, in jenem Fenster dort sitzt eine Katze, im Hintergrund läuft ein Fernseher, einen Stock tiefer steht ein Mann ganz allein in einem Raum, er steht nur still und schaut, wartet er? Und ich träume deren Leben, ich spinne den Film weiter, ich lasse den türkischen Großvater ein Machtwort sprechen zur Verheiratung seiner jüngsten Enkelin, das Pärchen wird streiten wegen des bösen Briefes seiner Mutter, aber dann wird die Liebe siegen, oder wird sie sich einfach umdrehen und gehen, nachdem sie ihm das Mobiliar vor die Füße geworfen haben wird?
Das Kind, ja, wartet es auf seine Mutter, die sich ihr Geld nach der Scheidung im Supermarkt an der Kassa verdient, oder wurde es gescholten, weil es beim Abendessen die Meinung vertreten hat, es sei nicht recht, dass Tiere getötet würden?
Die Katze, träumt die davon, ein Mensch zu sein? Wer wohnt bei ihr: eine alte Frau mit einem kleinen Leben und kleinen Wünschen, oder ein verkanntes Genie mit zwanghaften Angewohnheiten (er kämmt die Katze täglich, auch die Schnurrhaare, und er spricht sie mit „Eure Durchlaucht“ an, aber die Milch, die vergisst er)
Worauf wartet der Mann mitten im Raum? Auf ein Todesurteil, ausgesprochen von seinem Freund („Du weißt, damals habe ich in der Bar diesen Jungen kennengelernt..“), oder hört er Musik und wartet auf seinen Einsatz, er ist in Wirklichkeit Opernsänger, Krankenpfleger ist er bloß so, zum Überleben eben.....
Da werde ich wieder froh, ich lächle vor mich hin und steige an der nächsten Station wieder aus, hinein in mein Leben, denn ich habe einen Auftrag zu erfüllen.
Was ist, ist ihr Kaffee bitter geworden? Das passiert, wenn er kalt wird, im Gegensatz zu uns, wir werden ja eher süß, wenn wir erkalten, das Fleisch, meine ich.

Aber ich schweife ab. „Final Consulting“ also. Diskrete, begleitete Metamorphosen von diesem ins nächste Leben. Klare Auftragsklärung, Erfolgshonorar. Das ist leicht verdientes Geld, im Prinzip funktioniert es wie bei allen Consulting-Aufträgen: Auftragsgespräch, Zielklärung und Zielvereinbarung, Maßnahmen setzen, Abschlussbericht, Honorar legen. Da im Gegensatz zu vielen anderen Maßnahmen in meinem Geschäft die hier verlangte eindeutig messbar ist – entweder sie sind tot oder noch nicht- muss ich kaum um das Honorar streiten und ich kann den Auftrag auch geistig abschließen.
Während ich dem Ziel eine persönliche Rezeptur in den Kaffee gebe, unterhalte ich mich gerne noch ein wenig, small talk ist meine Stärke, schließlich bin ich professioneller Trainer und Berater. Nur nahe genug muss ich meinen Zielen kommen, der Rest geht fast von allein – das verwendete Mittel ist organisch, verursacht beinahe keine Schmerzen und löst einen Gehirnschlag aus, während einer kleinen Plauderei.....
Beziehungsaufbau ist schließlich das Wichtigste in der Kommunikation, schade, dass sie meine Fachartikel zu diesem Thema nicht kennen.
Was für ein schöner Tag heute ist! Lauter frohe Menschen draußen, die in die Sonne lächeln. Was wohl aus dem streitenden Pärchen werden wird, in dem Fenster, oder ob der einsame Mann seinen Job hinschmeißt und ein berühmter Opernsänger wird? Was meinen sie – schafft er es?
Aber ich muss wieder, danke für ihre Zeit, sie haben ja nur mehr wenig davon und schenkten mir trotzdem so viel.
Ich danke ihnen. In diesem Leben sehen wir einander wohl nicht mehr, schade, sie sahen nett aus, freundlich und intelligent – das macht mich traurig, immer wieder.
Die Ziele sind so leicht erreichbar......
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