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Sonntag, 25. August 2019

Die Großmütter...ein lang vergessener Anfang eines nie geschriebenen Romans..


Die Großmütter





                                                Johanna "Hanni"                       Lodovica "Wicki"

Noch vierzig Jahre später sollte sie sich daran erinnern, dass sie vergessen hatte die Hühner zu füttern, bevor sie sich mit dem Wenigen, das ihr gehörte, aber mit einem Bankert im Bauch, oder, wie der Herr Pfarrer in der Beichte gesagt hatte: mit der Frucht deiner Unzucht, Hanni! zum Zug nach Klagenfurt aufmachte. Der Herr Vater wird mich totschlagen – die Viecher kommen vor die Leut` mitm Essen, das hatte sie gelernt. Aber auch: Sei du mir ja anständig, wir sind hier wer im Ort!
Und so fand sich Hanni, zwölftes Kind des Großbauern Skina und unverzichtbare Arbeitskraft auf dem Hof, auf dem Bahnsteig wieder, in der Tasche eine Fahrkarte nach Kühnsdorf in Unterkärnten, zu ihrer ältesten Schwester, der Maltschi.
1924 war die Welt noch in Ordnung, zumindest auf dem Land und in Kärnten. Und in Ordnung heißt auch, dass alles seine Ordnung haben muss – da lässt man sich nicht schwängern von einem hergelaufenen Elektriker aus der Stadt, einem, der keinen Hof hat, einem, der nur deutsch spricht. Und wenn man sich schon schwängern läßt, dann muss man davongehen. Nicht bei Nacht und Nebel, da fährt kein Zug nach Klagenfurt. Hanni war zwar in anderen und unglücklichen Umständen, aber ein vernünftiges Mädel. Zwei fleißige Hände werden immer gebraucht und ein zusätzliches Maul kann man schon mitfüttern, hatte die Maltschi endlich zurückgeschrieben. Und komm nur gleich, weil wenn dir der Vater draufkommt, bist hin.
An die Zugsfahrt konnte sie sich später kaum erinnern, sie wird wohl geschlafen haben bis Klagenfurt, und gerade rechtzeitig zum Postbus nach Kühnsdorf gekommen sein. Auch an die Feldarbeiter konnte sie sich nicht erinnern, obwohl sie an ihnen vorbeigefahren sein muss, und so sah sie auch Lodovica nicht, einziges Kind eines ehemaligen Weinhändlers aus Triest, die 1918 mit ihrer Familie nach Österreich gekommen war, um nicht Italienerin werden zu müssen.


1924 war die Welt nicht mehr in Ordnung, schon gar nicht für Lodovica. Der Vater hatte alles verloren, sie arbeitete mit ihren vierzehn Jahren auf dem Feld und verstand außer ihrem Schulitalienisch nur das häusliche Slowenisch.
Bis sie mit sechzehn eine Stelle als Köchin in einer Bäckerei fand, hatte sie fürs Leben gelernt: sprich nie in der Öffentlichkeit slowenisch, sag immer ja, gnädige Frau und ja, gnädiger Herr, und wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.
Vielleicht haben sie einander doch gesehen, für einen Augenblick, die sechzehnjährige Hanni in ihrem guten Sonntagsgewand, dem einzigen, und die vierzehnjährige Lodovica mit ihren nackten Beinen und der blauen Schürze. Die da hat´s gut, hätten sie denken können, im selben Augenblick, und hätten geseufzt und so wären sie einander damals schon, in diesem einen gemeinsamen Gedanken, begegnet.



Vom Postbus waren es noch fünf Kilometer bis zum Hof der Maltschi, die gingen sich leicht mit dem wenigen Gepäck. Und dann auf den Hof und hinein in die Kuchl, wo die Maltschi das Saufutter rührte: „So, bist also da, da setz di hin. Plärr´ doch nit, i bitt di!“
So wurde Hanni von der Magd ihres Vaters zur Magd ihrer Schwester und gebar eine Tochter.
Auf keinen der Briefe, die sie Robert, dem Vater ihrer Tochter geschrieben hatte, bekam sie Antwort.
Am nächsten Kirchtag tanzte sie. Ihr Tänzer schenkte ihr ein Haarband und später einen Sohn. Sieben Jahre später war sie immer noch ledig und Magd. Über diese Zeit hat sie beharrlich geschwiegen, auch über die Art der Beziehung, die sie zum Vater ihres zweiten Kindes hatte – aber er war anwesend, als sie beerdigt wurde: ganz hinten stand er, weit hinter ihrem Ehemann, ihren Kindern und Enkelkindern.
Und sieben Jahre war ihr späterer Ehemann auf der Suche nach ihr, ihre Briefe hatten ihn nicht erreicht und die Bauersleute sprachen beharrlich slowenisch und waren plötzlich keines deutschen Wortes mehr mächtig.
Wie er sie fand, oder ob doch sie ihn fand, davon gibt es mehrere Versionen. Sie selbst hat mir keine davon je erzählt. Ihre älteste Tochter, die Tante Theres, erzählt gern die romantische Version: Mein Großvater sei damals schon Berufssoldat gewesen („Feldwebel, weißt du!“) und sei mit seiner Kompanie zufällig durch die Straße geritten („Ein fescher Mann war er damals, auf seinem Pferd, mit einem Säbel“) in der meine Großmutter damals wohnte. Dort habe er erstmals seine Tochter gesehen und endlich seine große Liebe wieder gefunden. (Ich traue ihrer Erinnerung nicht. Sie hält den Bund Deutscher Mädel immer noch für eine wunderbare Einrichtung).Gesichert ist nur, dass sie heirateten und 1932 mein Vater zur Welt kam.

Lodovica war außer sich: die Wahrsagerin hatte ihr die Karten geschlagen und ihr einen guten, braven Mann versprochen. Sie stand täglich um vier auf, kochte drei Mahlzeiten für die sechzehn Angestellten der Bäckerei  und sparte sich ihre Aussteuer zusammen. Max, der Fahrer der Bäckerei, grüßte sie jeden Tag, obwohl sie nur „das Küchenmensch“ war. Er war fleißig, lustig, bei den Bäckern beliebt und soff nicht all zu sehr. So nahm sie ihn und sie bauten sich ein Häuschen.
1939 war sie im siebten Monat schwanger als Max bei einem Unfall unter dem Bäckereiauto verbrannte. Lodovica gebar eine Tochter und  begann wieder zu arbeiten. Auf dem Bahnhofspostamt, werktags von sieben Uhr früh bis sechs am Abend, und samstags von sechs bis zwölf. Sie heiratete nie wieder, betrat außer bei unvermeidlichen Begräbnissen und Hochzeiten keine Kirche mehr und trat den sozialistischen Gewerkschaftern bei. Das Schulgeld für die Ursulinen sparte sie sich vom Mund ab. So lernte meine Mutter beten, arbeiten und kuschen, wovon sie nur ersteres im Laufe ihres Lebens aufgab. Slowenisch und Italienisch lernte sie nie, Lodovica weigerte sich beharrlich, ihrer Tochter diesen Makel weiterzugeben.




Hanni hatte es gut. Wie man das so leichthin am Land sagt. Ihr Mann schlug sie nie, schaute keinen anderen Weibern nach und kam immerhin häufig sofort nach Ende seines Dienstes nach Hause. Er soff und spielte Karten mit den anderen Unteroffizieren, bekam aber als Berufssoldat genug Sold, damit alle drei Kinder „etwas Ordentliches“ lernen konnten.
Dann kam der Krieg.
(In meiner Erinnerung sehe ich die Schachtel unter seinem Bett, die für mich verboten war.  Orden, ein Dolch und ein Bild eines Pferdes waren darin. Er antwortete nie auf meine Fragen.  Nur die Orden habe ich 20 Jahre später auf seinem Begräbnis wieder gesehen. Auf einen Polster gesteckt und feierlich von einem jungen Rekruten hinter dem Sarg hergetragen.)

Als er nach Kriegsende in den Postdienst übernommen wurde, zogen sie in eine Dienstwohnung direkt über dem Bahnhofspostamt. Überzeugt christlichsozial und evangelisch wurde gearbeitet, gespart, die Kinder hatten es zu etwas zu bringen – und sich nicht mit dem roten Gesindel abzugeben. Hanni durfte keinesfalls slowenisch sprechen, nicht mit ihren Geschwistern und schon gar nicht mit ihren Kindern, das duldete mein Großvater nicht.

Sie müssen einander öfter gesehen haben, Hanni und Lodovica. Hanni beim Aufgeben eines Briefes an eine ihrer Schwestern, wie immer in einem dunklen Rock und ordentlicher Bluse, und Lodovica hinter dem Schalter, im blauen Dienstmantel. Wer weiß, was sie sich gedacht haben.
Ich kann sie nicht fragen, Hanni ist schon lange tot und Lodovica verwechselt zunehmend Jahre und Sprachen.

Kennen gelernt haben sie einander Jahre später auf dem Postball, denn dort gingen die Roten und die Schwarzen gleichermaßen hin.

Ich erinnere mich an die langwierigen und komplizierten Familienstreitigkeiten um Politik und Kindererziehung.
Und an meine Großmütter, die heimlich über den Tisch slowenisch flüstern, in ihrer eigenen Geheimsprache, die außer ihnen niemand mehr in der Familie versteht.










Samstag, 26. September 2015

Dienstag, 4. August 2015

3.Mödlinger Kriminacht - 24.10.2015

Ach ich freu mich! Hier mal  die vorläufige Ankündigung:

Diesmal haben wir etwas Besonderes vor...stay tuned...verraten wird nichts aber so viel muss wohl klar sein: Wenn wir so spät dran sind, ist es unter Garantie nicht jugendfrei ;-)